Wenn Rebstöcke plötzlich aussehen, als hätte jemand die Farbpalette eines Malkastens verschüttet, ist Herbst in Rheinhessen. Deutschlands größte Weinbauregion zeigt sich von ihrer leuchtendsten Seite, und der Rheinterrassenweg zwischen Worms und Mainz lädt ein, das Ganze mit Wanderschuhen, guter Laune und etwas Durst zu erkunden.
Gemütlich von Weindorf zu Weindorf
Der Weg schlängelt sich auf 75 Kilometern und sechs Etappen von einem Weindorf zum nächsten. Wer nach der Hälfte der Strecke das Gefühl hat, die Kondition sei schon im letzten Glas geblieben, darf aufatmen: Zwölf Bahnhöfe entlang der Route machen es GenusswanderInnen leicht, einzelne Etappen zu wählen und bequem mit der Bahn zurückzufahren. Bequem ist der Rheinterrassenweg ohnehin, denn er verläuft überwiegend auf befestigten Wegen, hat kaum Steigungen und ist gut ausgeschildert. Die Presseinformation schwärmt von "einem Meer aus Rebstöcken, deren Blätter in der Sonne in allen Farben leuchten". Wir können bestätigen: Das klingt nicht nur schön, es wird auch so sein.
Kaiserdome, Gutenberg und gotische Glaskunst
Wer sich gerne zu Abstechern verleiten lässt, ist hier bestens aufgehoben. Mainz punktet mit seiner schönen Altstadt, urigen Weinstuben und natürlich Johannes Gutenberg. Worms setzt mit dem 'Heiligen Sand', Europas ältestem jüdischen Friedhof, und den großen Fußstapfen von Martin Luther kulturelle Akzente. Beide Städte beeindrucken mit mächtigen Kaiserdomen und zahlreichen Museen, ein schöner Kontrast zur Beschaulichkeit des Weges. Über Oppenheim thront die Katharinenkirche, die bedeutendste gotische Kirche am Rhein zwischen Köln und Straßburg. Berühmt ist sie für ihre Fenster, allen voran das 'Lilienfenster' und die 'Oppenheimer Rose' in der Südfassade, deren Glas zum überwiegenden Teil noch aus dem 14. Jahrhundert stammt. Ein Fensterputz dürfte da eine ehrfürchtige Angelegenheit sein.
Roter Hang, Hohlwege und ein Winzersteak zum Finale
Bei Nierstein streift der Weg den Roten Hang, dessen Boden schon von Weitem rot schimmert und der einige der berühmtesten Weinlagen Deutschlands beherbergt, mit Aussicht auf den Rhein. Im Süden warten bei Mettenheim und Alsheim tief eingeschnittene Hohlwege, in denen zwischen meterhohen Lösswänden eine faszinierende Lebensgemeinschaft von Tieren und Pflanzen zu Hause ist. Immer führt der Weg an Reben vorbei, die auf charakteristischem Terroir gedeihen. Was daraus wird, probiert man am besten gleich in einer der zahlreichen Weinstuben oder in Gutsschänken und Straußwirtschaften. Dort kommen regionale Genüsse wie Spundekäs, Handkäs und Winzersteak auf den Tisch. Der Rückweg zum Bahnhof ist dann bestenfalls eine Frage der Navigation, aber dafür gibt es ja die gute Beschilderung.