Trockenstress statt Terroirromantik: Die lange Hitze- und Trockenphase macht das Weinjahr 2024 zu einer Achterbahn: Die Vegetation spriuntet vor, die Lesemuss früher beginnen - und selbst Genussmenschen bekommen Sorgenfalten. In Österreich starten manche WinzerInnen bereits mit der Lese von Trauben für Sturm und Schaumwein, während andernorts die Hauptlese Richtung zweite Augusthälfte vorrückt.
Sommer auf der Überholspur
Der Kalender sagt August, die Reben sagen Herbst: Wer dieser Tage durch Niederösterreichs Weinberge spaziert, reibt sich verwundert die Augen. Wo normalerweise erst im September geerntet wird, hängen die Trauben heuer schon prall und reif an den Stöcken – und die WinzerInnen greifen bereits zur Schere. Laut der österreichischen Hagelversicherung eilt der Vegetationsfortschritt dem langjährigen Durchschnitt um ganze zwölf Tage voraus. Ein Rekord, der sich gewaschen hat. Sizilien hatte die Lese bereits Ende Juli gestartet, Frankreich, Deutschland und Italien folgten früh. Österreich reiht sich nahtlos ein: Die Schaumweinernte ist angelaufen, die Lese für Sturm findet vielerorts bereits dieser Tage statt, und die Hauptlese steht unmittelbar bevor. Selbst ein angekündigter Wetterumschwung ändert daran kaum etwas – die Natur hat ihren eigenen Fahrplan längst beschlossen, und der lässt sich nicht verhandeln.
Wenn die Rebe in den Schutzmodus schaltet
Weinreben sind zähe Gesellen und eigentlich bestens gerüstet für trockene Phasen: Sie holen sich ihr Wasser aus tieferen Bodenschichten, wo andere Pflanzen längst kapituliert hätten. Was heuer jedoch zu schaffen macht, ist die Kombination aus anhaltendem Wassermangel und Temperaturen zwischen 30 und 35 Grad. Bei solcher Hitze schließt die Rebe ihre Spaltöffnungen, um Wasserverluste zu minimieren – sie begibt sich in eine Art pflanzlichen 'Notfallmodus'. Die Fotosynthese wird gedrosselt, das Wachstum verlangsamt, und die Trauben können Hitzeschäden sowie Sonnenbrand entwickeln, was sich auf Aroma, Säure und Zuckergehalt auswirkt. Junge Reben trifft das besonders hart, weil ihr Wurzelsystem noch nicht tief genug reicht, um an verborgene Wasserreserven heranzukommen. Der Österreichische Weinbauverband rechnet daher mit deutlichen Ernterückgängen – konkrete Zahlen nennt man noch nicht, doch dass heuer weniger als im Vorjahr anfallen wird, gilt längst als gesetzt.
Weniger Menge, weniger Promille – und das ist gar nicht so schlecht
Gerhard Markowitsch, Winzer aus Göttlesbrunn Carnuntum, Niederösterreich), macht aus seiner Lage keinen Hehl. "Die Trauben haben weniger Gewicht und einen geringeren Saftanteil", sagte er im ORF-Interview, und rechnet derzeit mit einem Drittel weniger Ernte als üblich. Besonders junge Reben bereiten ihm Sorgen: "Wenn es jedes Jahr solche Extremsituationen gibt, speichern das die Pflanzen ab" – mit spürbaren Folgen für Wachstum und Fruchtbarkeit in den Folgejahren. Die Lage sei "sehr belastend", viele KollegInnen "mit der Situation überfordert". Doch der Klimawandel bringt nicht nur Mengenprobleme, sondern stellt auch die Stilistik auf den Kopf: Mit steigenden Temperaturen reifen die Trauben stärker durch, bringen mehr Zucker und - bei trockenem Ausbau - zwangsweise mehr Alkohol. Johannes Schmuckenschlager, Präsident des Österreichischen Weinbauverbands, bringt es gegenüber Ö1 klar auf den Punkt: Es brauche Weine mit moderaterem Alkoholgehalt, um der aktuellen Nachfrage gerecht zu werden. Diese hat sich nämlich spürbar verändert: weg vom schweren Rotwein, hin zu leichteren, frischeren Stilen. Österreich wäre mit seinem traditionell starken Weißwein-Anteil eigentlich gut aufgestellt. Doch auch hierzulande türmen sich die Rotweinlager auf, was den Marktdruck spürbar erhöht.
Kreative Köpfe, volle Keller – und ein Ausweg
Was tun mit Rotwein, für den sich kaum KäuferInnen finden? Der Weinbauverband hat eine pragmatische Antwort parat: eine Krisendestillation von bis zu zehn Millionen Litern, bei der unverkäuflicher Wein zu Industriealkohol verarbeitet wird – zumindest ein Ventil, um den Markt zu entlasten. Markowitsch sieht das zwiespältig: "Ich verstehe die Marktentlastung, sehe das aber nicht als Zukunft für den Weinmarkt." Sein Rezept klingt pragmatischer: Man müsse sich "am Bedarf orientieren und Flächen dort stilllegen, die nicht zu vermarkten sind." Frankreich und Spanien machen es in großem Stil vor und reduzieren ihre Rebflächen konsequent. In Österreich sind größere Rodungen laut Schmuckenschlager derzeit kein Thema, doch die Branche denkt um und das ist das Ermutigende an dieser Geschichte. WinzerInnen stellen ihr Sortiment um, investieren in Bewässerungssysteme, Wasserrückhaltung und verbesserte Bodenstrukturen. Auch mit auf den aktuellen Witterungsverlauf optimiertem Schnitt im Weingarten kann man dem Klimawandel entgegenwirken. Und Markowitsch selbst bleibt am Ende mit jenem entspannten Optimismus, der guten WinzerInnen eigen ist: "In den 90er Jahren war der Rotwein das Maß aller Dinge. Der Rotwein wird wiederkommen." Wir sind gespannt und trinken bis dahin einfach mehr Gelben Muskjateller...