Die heute in Brüssel beginnenden finalen Trilog-Verhandlungen zum neuen EU-Saatgutrecht könnten weitreichende Folgen für die Lebensmittelversorgung haben. Während drei Großkonzerne bereits mehr als die Hälfte des globalen Saatgutmarkts kontrollieren, warnen Experten vor einer weiteren Machtkonzentration durch die geplante Gesetzgebung.
Bedrohung der regionalen Saatgutvielfalt
"Die großen Agrochemie-Konzerne wollen ihre Kontrolle über Saatgut und Lebensmittel ausbauen", warnt Paul Grabenberger von ARCHE NOAH. Die vorgeschlagenen Regelungen könnten den traditionellen Austausch von Saatgut zwischen Regionen praktisch unmöglich machen. "Ein simpler Austausch lokaler Sorten zwischen Tirol und Südtirol würde illegal - das ist ein direkter Angriff auf unsere jahrhundertealte landwirtschaftliche Tradition", erklärt Grabenberger. Im Gegensatz dazu will das Parlament die bäuerliche Saatgutweitergabe ermöglichen und den Geltungsbereich der Verordnung auf kommerzielle Aktivitäten beschränken.
Einschränkungen bei Vielfaltssorten
Besonders kritisch sieht ARCHE NOAH die geplante Beschränkung von Vielfaltssorten auf Obst und Gemüse. "Die Vorstellung, dass innovative Getreidesorten oder neue Erdäpfelvarietäten künftig verboten sein sollen, ist schlichtweg absurd und gefährdet unsere Ernährungssicherheit", so Grabenberger. Der 50 Milliarden Dollar schwere kommerzielle Saatgutmarkt konzentriert sich bereits jetzt auf wenige Hauptkulturen. Grabenbagger: "Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig muss dagegenhalten: Das neue Saatgutrecht muss die Diversifizierung des Saatgutmarkts sicherstellen! Vielfalt macht unser Lebensmittelsystem resilienter und erhöht unserer Unabhängigkeit."
Kampf um Bäuerliche Rechte
Die Position des EU-Parlaments steht in deutlichem Kontrast zu den restriktiven Vorschlägen des Ministerrats. "Das EU-Parlament hat sich für eine lokale Saatgutwirtschaft und für bäuerliche Saatgut-Systeme ausgesprochen. Wir brauchen dringend ein Saatgutrecht, das lokale Strukturen stärkt und nicht zerstört", betont Grabenberger. Der enge Zeitplan für die Verhandlungen bis Mitte April 2026 erscheint angesichts der grundlegenden Differenzen kaum realistisch.
Forderung nach Ausgewogenheit
In den kommenden Wochen werden sich die Verhandlungsteams von EU-Kommission, Parlament und dem Rat der Landwirtschaftsminister:innen fast wöchentlich treffen, um die endgültigen Vorschriften festzulegen. Nach Abschluss des Trilogs muss der Gesetzestext vom Rat der Landwirtschaftsminister:innen und vom EU-Parlament endgültig beschlossen werden, bevor das neue Saatgutrecht drei Jahre später in Kraft tritt. ARCHE NOAH fordert von Landwirtschaftsminister Totschnig ein klares Bekenntnis zum Erhalt der Saatgutvielfalt. "Nur ein vielfältiges, dezentrales Saatgutsystem kann unsere Ernährungssicherheit langfristig garantieren", unterstreicht Grabenberger. Die Organisation plädiert für praktikable Ausnahmeregelungen für kleine Betriebe und den Erhalt traditioneller Saatgut-Weitergabe.