Im Frühling widmet das Leopold Museum dem zentralen Künstler der Sammlung, Egon Schiele (1890–1918), eine große monografische Ausstellung: In Zeiten des Umbruchs. Egon Schieles letzte Jahre: 1914–1918 ist erstmals der Fokus auf sein Spätwerk gerichtet. Lediglich knapp zehn Schaffensjahre waren dem exzentrischen Ausnahmekünstler gegönnt, bevor er 28-jährig an der „Spanischen Grippe“ starb.
Das spätere OEuvre, welches sich etwa durch eine beruhigte, fließende und organische Strichführung, mehr körperliches Volumen und Realitätsnähe sowie durch gesteigertes Einfühlungsvermögen von den früheren Arbeiten unterscheidet, ist bis heute weniger bekannt. Anhand von mehr als 130 Werken aus der Sammlung des Leopold Museum sowie aus internationalen Museen und Privatsammlungen verwebt die in neun Themenbereiche gegliederte Ausstellung biografische mit künstlerischen Elementen. Die Schau erforscht die stilistischen und persönlichen Wandlungen Schieles in den dramatischen Kriegsjahren und verleiht so neue Einblicke in seinen letzten Lebensabschnitt, welcher durch seinen unerwarteten, frühen Tod 1918 jäh beendet wurde.
Tagebuch von Edith Schiele
Erstmals ausgestellt und im begleitenden Ausstellungskatalog vollständig publiziert ist das vom Kallir Research Institute bereitgestellte Tagebuch seiner Frau Edith Schiele (1893–1918), in welchem sie zwischen 1915 und 1918 ihre Erlebnisse, Gedanken und Gefühlsregungen festhielt. „Das Leopold Museum beherbergt mit knapp 300 Werken, darunter 48 Gemälde, weltweit die umfassendste und bedeutendste Sammlung von Arbeiten dieses herausragenden Protagonisten des Österreichischen Expressionismus. Heute zählt Egon Schiele zu den international bekanntesten Künstlerpersönlichkeiten", so Hans-Peter Wipplinger, Direktor Leopold Museum bei einem Presserundgang
Schieles Suche nach dem Selbst
Bis heute üben Schieles Arbeiten eine ungebrochene Anziehungskraft auf Betrachtende aus. Ein Großteil der bis 1914 entstandenen Werke spiegelt in ausdrucksstark inszenierten Posen, wilder Gestik und grimassierenden Physiognomien die jugendliche Suche nach der eigenen Identität wider. In zahlreichen Selbstporträts und Doppelselbstbildnissen spielte der Künstler mit verschiedenen Persönlichkeiten, wobei die Selbstbetrachtungen in engem Zusammenhang mit einem Gefühl spiritueller Bestimmung standen: Schiele verstand sein Künstlertum als Berufung und ging davon aus, dass ihm als Visionär besondere Freiheiten zustanden.
Lebensverändernde familiäre und künstlerische Umbrüche
Die Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien am 28. Juli 1914 läutete einen langjährigen Ausnahmezustand ein, welcher die vorherrschende gesellschaftspolitische Ordnung umwälzte und weitreichende Herausforderungen für die Menschen mit sich brachte. Vorerst blieb Schiele von militärischen Pflichten verschont und widmete sich weiterhin der Kunst und seiner neuen nachbarschaftlichen Bekanntschaft, Edith Harms. Schieles Lieblingsschwester Gertrude „Gerti“ heiratete 1914 seinen Künstlerkollegen und Freund Anton Peschka, mit welchem sie bereits eine voreheliche Liebesbeziehung und eine gemeinsame Tochter, Gertrude, hatte. Einen Monat nach der Hochzeit kam zudem ihr Sohn, Anton jun., zur Welt – Egon Schiele war nun zweifacher Onkel. Die Beziehung zu seiner älteren Schwester Melanie gestaltete sich schwierig, auch das Verhältnis zur Mutter Marie war zeitweise angespannt. Zeiten des Umbruchs veranschaulicht, wie Schieles Auseinandersetzung mit dem Thema Familie von seinen familiären Beziehungen geprägt war:
Während Mütter in seinen Arbeiten meist keine Beziehung zum Kind aufbauen und mehr tot als lebendig wirken, werden Babys zum Symbol für Lebenskraft, kreative Erneuerung und spirituelle Erlösung. 1915 heirateten Edith und Egon, kurze Zeit nach der schmerzhaften Trennung von seiner langjährigen Lebensgefährtin Walburga „Wally“ Neuzil. Unmittelbar nach der Hochzeit musste er nach Prag und später ins böhmische Neuhaus (Jind?ich?v Hradec) zur militärischen Grundausbildung einrücken und in Folge diverse militärische Aufgaben übernehmen. Die Einschränkung seiner Freiheit und kreativ-schöpferischen Tätigkeit belasteten den jungen Künstler sehr. Auch die Eindrücke des Krieges und die lebensverändernden Umstände der Ehe führten dazu, dass das jugendliche Seelenforschen und die radikalen formalen Experimente nachließen, dass Schieles allegorische Gemälde universeller und weniger egoistisch wurden, seine Porträts einfühlsamer, sein Stil im Allgemeinen realistischer.
Entfremdung und Einfühlungsvermögen
Zeiten des Umbruchs zeigt auf, wie sich die zunehmende humanistische Ausrichtung des Künstlers auf sein Schaffen auswirkte. Um 1915 setzte er sich vermehrt mit Paarmotiven auseinander, welche sowohl die Liebesbeziehung zwischen Mann und Frau als auch jene zwischen Frauen thematisierten. Trotz physischer Intimität fehlt oft eine gewisse emotionale Verbundenheit, teils punktförmige Augen lassen die Personen marionetten- und puppenhaft wirken und vermitteln ein Gefühl von Entfremdung: Teil einer Paarbeziehung zu sein bedeutete für Schiele wohl, Aspekte seines Selbst zurücknehmen zu müssen.
Einfühlsame Portraits und Landschaften
Wo auch immer Schiele stationiert war, suchte er nach Möglichkeiten, kreativ arbeiten zu können, und fand dabei auch die Unterstützung von Vorgesetzten. In Mühling etwa, 100 Kilometer westlich von Wien, wohin er 1916 versetzt wurde, stand ihm im Kriegsgefangenenlager ein Depotraum als Atelier zur Verfügung. Hier malte er 1916 das beeindruckende Gemälde Zerfallende Mühle, die Schiele in fast dokumentarischer Manier auf Leinwand festhielt. Auch die Landschaftszeichnungen der späteren Jahre zeugen von einem verstärkt naturalistischen Zugang – ganz im Gegensatz zu seinen frühen, oft stilisierten landschaftlichen Motiven mit teils anthropomorph anmutenden Elementen.
Späte Akte
Als Schiele 1917 in sein Atelier zurückkehrte und zusehends wieder Modelle greifbar waren, zeigten seine Arbeiten deutliche stilistische Veränderungen. Die Linienführung wurde organischer, beruhigter und weniger sprunghaft. Der Künstler zeigte sein Können in überlegten Körperhaltungen und perspektivischer Raffinesse. Einzelne Posen wurden mehrmals aufgegriffen, verfeinert und optimiert. Während die Körper an Plastizität gewannen, verloren die weiblichen Dargestellten teils an Persönlichkeit und Charisma. Die Frauen wurden mehr oder weniger zu generischen Typen – man gewinnt den Eindruck, dass die späteren Akte mehr dem voyeuristischen Blick dienten als der Erkundung von Sexualität.
Erfolg und letzte Werke
Anfang 1917 konnte Schiele nach Wien zurückkehren und war entschlossen, eine künstlerische Führungsrolle zu übernehmen. Pläne für das ambitionierte Projekt „Kunsthalle“ – ein „geistige[r] Sammelpunkt“ für Kunstschaffende und gegen kulturelle Zersetzung – scheiterte an fehlender finanzieller Unterstützung, doch andere Unternehmungen erwiesen sich als erfolgreich. Eine druckgrafische Mappe mit Reproduktionen von Zeichnungen war bald ausverkauft und der Künstler wurde gebeten, bei der Umsetzung von Ausstellungen, unter anderem für das k. u. k. Heeresmuseum, mitzuwirken sowie an der Organisation der 49. Ausstellung der Wiener Secession im März 1918 mitzuarbeiten. Schiele begann einen Zyklus allegorischer Darstellungen zu gestalten, welcher die großen Themen des irdischen Daseins, des Todes und der Auferstehung behandeln sollte und den er in einem eigens dafür angedachten Mausoleum präsentieren wollte.
Schieles Meisterwerk aus 1918, das Bildnis des Malers Albert Paris von Gütersloh, lässt erahnen was er in seinen letzten Werken, von denen viele unvollendet blieben, anstrebte. Das großformatige Porträt seines Künstlerfreundes reist für diese Ausstellung aus dem Minneapolis Institute of Art in Minnesota an. Kurz vor seinem 28. Geburtstag befand sich der Künstler auf dem bisherigen Höhepunkt seiner Karriere und schmiedete Pläne für die Wiederbelebung der österreichischen Kunstszene der künftigen Nachkriegszeit. Edith, im sechsten Monat schwanger, und Egon Schiele starben jedoch im Oktober 1918 wenige Tage hintereinander an der „Spanischen Grippe“. Sie ließen die Geschichte ihrer Ehe unvollendet, so wie auch Schieles künstlerische Laufbahn ein jähes Ende fand.