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Ausstellungsbericht
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Tilla Durieux - Eine Jahrhundertzeugin und ihre Rollen
RESIDENZ ATELIER WIEN, I. FLEISCHMARKT 1, Porträt Tilla Durieux, 1905
© Leopold Museum, Wien
  

Der gefeierte Theater- und Filmstar Tilla Durieux (1880–1971) war sowohl moderne Frau der 1920er-Jahre als auch politisch engagierte Zeitgenossin, deren Rollen ebenso vielfältig waren wie die Liste jener Künstler*innen, denen sie Modell saß. Diese erste umfassende Ausstellung über sie geht erstmals der Faszination auf den Grund, welche die gebürtige Wienerin und Wahlberlinerin bereits auf ihre Zeitgenoss*innen ausübte, und folgt anhand von Bildnissen quer durch alle Medien den Spuren dieser schillernden Persönlichkeit.

  

von: 14.Oct 22
bis: 27.Feb 23


Leopold Museum im MQ
Museumsplatz 1 im MQ
1070 Wien, AT
Tel: +43 1 525 70 -0
Fax: +43 1 525 70 -1500
Email: office ::: leopoldmuseum. org
http://www.leopoldmuseum.org/

Öffnungszeiten:
Mi - So: 10 - 18 Uhr



Karten mit Ziel und
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Tilla Durieux, geborene Ottilie Helene Angela Godeffroy, kam in Wien als Tochter eines Chemieprofessors und einer Pianistin in einer gutbürgerlichen Familie zur Welt. Sie beschrieb ihr Elternhaus im noblen Wiener Währinger Cottage als lieb- sowie freudlos und flüchtete schon früh in eine Fantasiewelt. Als 16-Jährige, ein Jahr nach dem Tod ihres Vaters, beschloss sie gegen den Willen ihrer Mutter Schauspielerin zu werden.

Nach einer Schauspielausbildung in Wien schaffte sie es über Stationen in Olmütz 1902 und Breslau 1903 schließlich nach Berlin zu Max Reinhardt ans Deutsche Theater. Im bekannten Schauspielensemble erhielt die Nachwuchskünstlerin kleinere Engagements, bis der gefeierte Star Gertrud Eysoldt (1870–1955) erkrankte, Durieux für sie einsprang, deren Hauptrolle in Oscar Wildes Stück Salome übernahm und brillierte – dies sollte die Geburtsstunde der legendären Bühnenfigur Tilla Durieux sein. Über die Jahre hinweg spielte sie in allen wichtigen Häusern Europas und stellte sich gerne – nicht nur auf der Bühne, sondern ab 1914 auch vereinzelt vor den Kameras der Stummfilm-Ära – herausfordernden Rollen. Ihren Durchbruch als Filmschauspielerin erlebte sie allerdings erst nach dem Zweiten Weltkrieg.

Als Durieux 1902 ihren ersten Ehemann Eugen Spiro (1874–1972) in Breslau kennenlernte, standen beide am Beginn ihrer Karrieren. Der Maler und Grafiker – er hatte an der Breslauer Akademie für Kunst und Kunstgewerbe studiert und seine Ausbildung als Meisterschüler von Franz von Stuck (1863–1928) in München abgeschlossen – führte sie an die bildende Kunst heran. Aus Spiro und Durieux wurde ein Paar, das in Berlin Hochzeit feierte. Die Ehe wurde jedoch 1905 geschieden, nachdem Durieux den Kunsthändler und Verleger Paul Cassirer kennengelernt hatte.

Cassirer, ab 1910 Durieux‘ Ehemann, aus einer wohlhabenden, einflussreichen Familie stammend, förderte die bereits erfolgreiche, ehrgeizige Schauspielerin und führte sie in die Kunst- und Literaturkreise Berlins ein. Neben Künstlern wie Max Liebermann, Lovis Corinth, Max Slevogt, August Gaul, Ernst Barlach oder Leo von König gehörten im Laufe der Jahre ebenso Kulturschaffende wie die Schauspielerin Tilly Wedekind und Theaterautor Frank Wedekind, der Pianist Leo Kestenberg, die Dichterin Else Lasker-Schüler, der Schriftsteller Heinrich Mann, der Sammler und umtriebige Chronist Harry Graf Kessler, der Verleger Samuel Fischer, die Kunstschriftsteller Julius Elias, Julius Meier-Graefe, Max Osborn oder der Kritiker Alfred Kerr zu dieser illustren Runde.

Von Gesprächen mit dem zur Zeit der Porträtsitzungen bereits kranken Auguste Renoir (1841–1919), fühlte sich Tilla Durieux hingegen tief berührt, und auch Ernst Barlach (1870– 1938) stand der Künstlerin mit der Zeit nahe. Nicht nur auf Papier oder Leinwand wurde sie verewigt, sondern auch in vielen plastischen Arbeiten sämtlicher medialer und materieller Ausformungen.

In Berlin führten Cassirer und Durieux einen Haushalt mit großen Abendgesellschaften, an der holländischen Küste luden sie zur Sommerfrische. Von der Notwendigkeit seines Einsatzes überzeugt, meldete sich Cassirer 1914 zum Fronteinsatz, Durieux arbeitete als Krankenschwester in Berlin und ließ diese Tätigkeit fotografisch dokumentieren. Beide quittierten jedoch bald den Dienst und kämpften fortan für den Frieden. Auch im Schweizer Exil ab 1917 versammelte das Ehepaar einen Kreis von Kulturschaffenden und Intellektuellen um sich.

Während viele der privaten Porträts in Auftrag gegeben wurden, zählte das Posieren in Theaterrollen oder in Zivilkleidung zu den Begleiterscheinungen eines Schauspielerinnenlebens. Für die diversen Rollenporträts als Salome oder Potiphars Weib bildeten die ausführenden Künstler*innen Durieux in Aktion ab, für Franz von Stucks (1863–1928) unterschiedliche Versionen der Circe hingegen posierte die Schauspielerin im Atelier vor der Kamera wie auch vor der Leinwand. Dass Stucks Circe heute zu den bekanntesten Bildnissen Durieux’ zählt, ist dessen Talent für die Vermarktung von Reproduktionen geschuldet.

Mit wachsendem Erfolg wurde Tilla Durieux zu einer Person des öffentlichen Lebens, deren Rezeption sie aktiv gestaltete: Für Zeitschriften wie Die Bühne, Moderne Welt oder Sport im Bild inszenierte sie sich als Dame von Welt, suggerierte nachzueifernde Sehnsuchtsbilder, zeigte sich als unerschrockene Pilotin und Modeikone oder gewährte in Homestorys intime Einblicke in ihr Leben. Doch auch die Schattenseiten der medialen Aufmerksamkeit musste Durieux kennenlernen: Die Ehe mit Cassirer war geprägt von unzähligen Konflikten, seine psychischen Probleme wurden durch die Erfahrungen des Ersten Weltkrieges an der Front verstärkt. Nachdem Tilla Durieux 1926 die Scheidung einreichte, unternahm Paul Cassirer einen Selbstmordversuch, an dessen Folgen er bald darauf starb. Sein tragischer Tod entwickelte sich zu einem Skandal, in der Klatschpresse wurde die Schauspielerin zum todbringenden Racheengel stilisiert. Nach dem Suizid Cassirers zog sich Durieux eine Zeitlang weitestgehend von der Bühne zurück. Zur emotionalen Stütze wurde bereits in der Zeit vor Cassirers Suizid der Industrielle Ludwig Katzenellenbogen (1877–1944), der 1930 Durieux‘ dritter Ehemann werden sollte.

In den 1920er-Jahren galt der Star als Paradebeispiel für die sogenannte „Neue Frau“. Ein Wandel im Scheidungsrecht, die Industrialisierung, der Zugang zu Hochschulen für Frauen, ein mit dem ersten Weltkrieg einhergehender Mangel an männlichen Arbeitskräften, das Wahlrecht für Frauen im Großteil Europas und modische Neuerungen, wie die endgültige Ablegung des Korsetts, führten zur maßgeblichen Modernisierung des Frauenbildes. Künstlerinnen wie Charley Toorop, Martel Schwichtenberg oder die Fotografinnen Lotte Jacobi und Frieda Riess befassten sich mit Durieux als „Neue Frau“ auf Papier oder Leinwand. Im Alltag war es jedoch weiterhin meist die Frau, die Geringverdienerin war und sich um Haushalt und Kinder kümmerte – die „Neue Frau“ blieb vorerst eine Modeerscheinung.

Als Schauspielerin blieb Tilla Durieux bis zum Beginn der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft in Deutschland aktiv. Sie zeigte sich nicht nur künstlerisch, sondern auch in sozialen wie politischen Fragen engagiert: Begleitet von Leo Kestenberg (1882–1962) trug sie vor dem Ersten Weltkrieg in den Berliner Arbeitervierteln Klassiker der Literatur vor. Im Zuge dessen lernte sie Rosa Luxemburg (1871–1919) kennen, die sie während deren Gefängnisaufenthalt finanziell unterstützte. In den Wirren der Münchner Räterepublik versteckte sie den wegen Hochverrats gesuchten sozialistischen Revolutionär und Schriftsteller Ernst Toller (1893–1939). Während des Ersten Weltkrieges richteten Paul Cassirer und sie in ihrer Berliner Wohnung zwischenzeitlich einen „Mittagstisch für unbemittelte Künstler“ ein. Gemeinsam mit Ludwig Katzenellenbogen unterstützte sie Erwin Piscator (1893–1966) bei der Finanzierung seiner Avantgardetheater-Bühne und der Übernahme der Leitung des Theaters am Berliner Nollendorfplatz. Nach ihrer Flucht aus dem faschistischen Deutschland beteiligte sich Durieux von Agram aus an der Widerstandsbewegung.

Wie ihre beiden ersten Ehemänner war auch Katzenellenbogen jüdischer Abstammung. Als er sein Vermögen verlor, war es Durieux, die ihr Leben und später ihre Flucht durch Gastspielauftritte sowie den Verkauf von Schmuck und Bildern finanzierte. Ab 1933 zählten Prag, Ascona, Opatija – wo sie das Hotel Cristallo betrieben – und schließlich Agram, wo sich heute noch ein Teil von Durieux‘ Sammlung im Stadtmuseum befindet, zu den Stationen ihrer Flucht. Die Schauspielerin gab Gastspiele in Ländern, die sie bereisen durfte und unterrichtete im Salzburger Mozarteum. Trotz mehrerer Versuche gelang dem Ehepaar die Flucht in die USA nicht. In Abwesenheit von Durieux wurde Katzenellenbogen nach Berlin verschleppt, wo er 1944 starb.

Ab 1952 spielte Tilla Durieux wieder zögerlich in Berlin Theater, 1955 kehrte sie nach Deutschland zurück. Bis kurz vor ihrem Lebensende war sie für Film, Hörfunk, Fernsehen und vor allem für das Theater tätig, ohne zu einem Ensemble zu gehören. Sie rekonstruierte ihre frühere Sammlung anhand von Fotografien, bereiste Ausstellungen, in denen ihre Porträts gezeigt wurden, und hielt Vorträge sowie Lesungen aus ihren Memoiren. Als Interviewpartnerin gab sie sich als auskunftsfreudige Zeitzeugin und auch als Bildmotiv war die Grande Dame des deutschen Schauspiels nach wie vor gefragt. Nachdem sie Ende der 1920er-Jahre mit dem Schlüsselroman "Eine Tür fällt ins Schloss" nach Cassirers Suizid eine Abrechnung mit dessen Familie verfasst hatte, vollendete sie 1954 ihre Memoiren unter dem Titel "Eine Tür steht offen".

Am 21. Februar 1971 verstarb Tilla Durieux 90-jährig in Berlin. Neben zahlreichen Bühnenauftritten, Dreharbeiten, Gastspielen, Lesungen und Vorträgen bis ins hohe Alter ordnete Durieux ihren Nachlass und bestimmte so selbst über das Bild ihrer eigenen, bemerkenswerten Persönlichkeit, wie es sich heute rekonstruieren lässt.

Die Ausstellung zeigt rund 233 Werke, darunter 14 Gemälde, 81 Arbeiten auf Papier und 84 Fotografien. Begleitend zur Ausstellung ist ein Katalog in deutscher und englischer Sprache mit Beiträgen von Stephan Dröschel, Daniela Gregori, Hannah Reisinger, Aline Marion Steinwender und einem Prolog von Hans-Peter Wipplinger erschienen.

Die Schau entstand in Kooperation mit dem Georg Kolbe Museum, wo die Berliner Version der Ausstellung ab Mai 2023 zu sehen sein wird, und dem Berliner Archiv der Akademie der Künste, welches seit 1977 den Nachlass der Schauspielerin bewahrt.

[pge]

Ausstellungsansicht
© Leopold Museum, Wien, Foto: Lisa Rastl

Ausstellungsansicht
© Leopold Museum, Wien, Foto: Lisa Rastl

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