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Ausstellungsbericht
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Heimo Zobernig
Heimo Zobernig Ohne Titel, 2019
© Heimo Zobernig / Bildrecht, Wien 2021
  

Malerei ist neben Skulptur, Film, Performance und Gestaltung ein zentraler Bestandteil der medienübergreifenden Kunst von Heimo Zobernig. Seit dem Beginn seiner künstlerischen Praxis in den frühen 1980er-Jahren hat er ein umfangreiches malerisches Werk erarbeitet, immer auf der Grundlage des Versuchs, die Farbe wie ein „Wissenschaftler“ zu erforschen. 

  

von: 19.Jun 21
bis: 17.Oct 21


MUMOK
Stiftung Ludwig Wien
Museumsplatz 1
1070 Wien, AT
Tel: +43 1 525 00
Email: info ::: mumok. at
http://www.mumok.at

Öffnungszeiten:
Di-So 10 bis 19 Uhr



Karten mit Ziel und
momentanen Standort anzeigen

So wird die Malerei bei Zobernig zu einer Maschine für die Produktion von Erkenntnissen. Charakteristisch für dessen Vorgehen in diesem Zusammenhang sind Strategien der Vereinfachung, Normierung und Systematisierung durch Anwendung von festgelegten Regeln sowie die künstlerische Aneignung von industriellen Normen und weit verbreiteten Mustern (wie etwa TV-Testbildern).

Nachdem im mumok im Winter 2002/2003 die von Beginn an konsequente und zugleich äußerst facettenreiche Entwicklung des international renommierten österreichischen Künstlers in der ersten Retrospektive präsentiert wurde, wird nun in einer von Zobernig konzipierten Ausstellungsarchitektur anhand von ausgewählten Werkblöcken der letzten Jahre der Schwerpunkt auf einen erweiterten Malereibegriff gelegt. Mit der Displayarchitektur nimmt Zobernig dabei auf die klassisch-modernistische Architektur des Sonsbeek-Pavilon Bezug, welchen der Niederländer Gerrit Rietveld 1955 für eine Skulpturenausstellung in Arnheim realisierte.

Bereits in dem Mitte der 1980er-Jahre entstandenen Frühwerk ist ein erweiterter Malereibegriff deutlich erkennbar. Damals produzierte Zobernig sowohl Gemälde mit abstrakten geometrischen Formen als auch erste, mit monochromer Kunstharzfarbe bemalte plastische Arbeiten aus Karton. Für diese Objektgruppe definierte er 1987 eine fünfteilige Farbpalette aus „unbunten“ Farben, die er seine „Skulpturenfarben“ nennt: Grau, Schwarz, Weiß, Braun und Orange. Auf diese Weise wurde eine hybride Malpraxis zwischen Zwei- und Dreidimensionalität vorgeführt, die um 2016 mit den Schachbrettmusterdecken noch einmal ebenso radikal wie subtil erweitert wurde. Für die „Streifenbilder“, die ab 1987 entstanden, legte Zobernig hingegen eine feste Palette von 15 reinen Pigmentfarben fest, die er mit elementaren Farbnamen bezeichnet: Rot, Grün, Gelb, Blau, Braun, Orange, Violett, Schwarz, Weiß, Grau, Ocker, Lila, Hellgrün, Hellrot und Hellblau. Schon bei diesen frühen Bildern fallen die Omnipräsenz der technischen Bilder und der Unikatcharakter der Malerei in eins.

Mitte der 1990er-Jahre bringt Zobernig das Übertragungsprinzip erneut ins Spiel, indem er sogenannte Chroma-Key-Farben aus der Videotechnik (Bluebox-Blau, Videoblau, Videorot und Videogrün) in den Bereich der Malerei transferiert. Obwohl in den verschiedenen Werkphasen generell Bezugnahmen auf die Traditionen und Spielarten der Avantgarde (Monochromie und Raster, Minimalismus, Farbfeldmalerei, gestische und geometrische Abstraktion oder Schriftbilder) angedeutet oder angeboten werden, sind die Gegenwartskultur und ihre technischen visuellen Medien als wichtiger Einflusspol erkennbar.

Auch solche Ambivalenzen erscheinen bei Zobernig als wiederkehrendes Grundmotiv. Er nennt dies sein „eindeutiges Bekenntnis zur Uneindeutigkeit“. Für die ab 2000 produzierten Rasterbilder findet wiederum Chroma-Key-Nesselgewebe als Farbträger Verwendung, das mit weißer Acrylfarbe abgedeckt wird, um verschiedene Karo- und Gitterstrukturen zu erzeugen. Unter dem nachhaltigen Eindruck, den 2011 der Besuch einer Ausstellung von Pablo Picasso hinterlässt, wird neben den bisher verfolgten Hauptmotiven Monochromie und Raster zunehmend ein drittes Motiv in Zobernigs Werk sichtbar: das Gestische.

Das Feld der Kunst erscheint im Werk von Heimo Zobernig als großer und widersprüchlicher Forschungsgegenstand, zu dem man sich in unterschiedlicher Weise in Beziehung setzen muss. Kunst wird sowohl als Demonstrationsobjekt wie Gegenstand der Analyse sichtbar. Sich selbst bezeichnete der Künstler in diesem Sinne schon früh als „Historiker“ und „Wissenschaftler“. Um in diesem Bild zu bleiben: Zobernigs künstlerische Untersuchungen finden auf nahezu allen Ebenen statt und gelten dem Detail wie dem großen Ganzen. Der Künstler bildet ein eigenes analytisches System und zielt auf das Zusammenspiel zwischen Ästhetik und Gesellschaft, auf die Frage, unter welchen Bedingungen Kunst entsteht. „Meine Ästhetik, meine Kunst ist das Resultat meiner Arbeit, sie entwickelt sich, indem ich Inhaltliches und Formales so lange infrage stelle und knete, bis ich zu einer gültigen Form komme und nicht den Vorlagen der Theorie folge, sondern selber denke“.

In den Werken von Heimo Zobernig finden sich Prozesse der Kunstproduktion und Materialästhetik sowie Fragen des Displays und der Architektur oder die Infragestellung der Mechanismen, nach denen Museen und Galerien funktionieren. Selbst die Gestaltung von Katalogen wird diesem System unterworfen und so als wichtiger Teil der künstlerischen Praxis Zobernigs markiert. Die eigene Rolle als Künstler erscheint als eine Haltung in Bewegung, die es ständig zu prüfen und weiterzuentwickeln gilt.

Die geplante, von Heimo Zobernig (mit-)konzipierte Publikation bildet eine konzeptuelle Klammer zu dem die Retrospektive 2003 begleitenden Buch, das Zobernig humorvoll „Katerlog“ betitelte – und zwar einerseits in formaler Hinsicht, indem der Künstler etwa wieder auf das Din-A4-Format oder die Schrift Helvetica zurückgreift; besonders aber in inhaltlicher Weise, wenn die penible enzyklopädische Auflistung von Zobernigs künstlerischer Arbeit und Ausstellungstätigkeit bis zum Erscheinungstermin (wenn auch ohne Anspruch auf absolute Vollständigkeit) ihre Fortsetzung findet. So fächert die Publikation die enorme künstlerische und mediale Brandbreite Zobernigs auf und gibt sich dennoch skeptisch-augenzwinkernd angesichts des Versuchs, ein künstlerisches Œuvre „wissenschaftlich“ fassen zu wollen.

Die umfangreiche, ca. 400 Seiten umfassende Publikation wird neben Kurztexten zu den Installationen und Ausstellungen von 2003 bis 2020 sowie zahlreichen Abbildungen ein Vorwort von Karola Kraus und profunde Essays namhafter interna- tionaler Autor*innen – von Manuela Ammer, Beatrice von Bismarck, Helmut Draxler und Hans-Jürgen Hafner – enthalten. Für das Grafikdesign konnte Dorothea Brunialti gewonnen werden, die Zobernigs Arbeit seit langem begleitet. Diese Publikation erscheint in deutscher und englischer Sprache im Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln.

[pge]

Ausstellungsansicht: Heimo Zobernig
© Georg Petermichl ©mumok

Ausstellungsansicht: Heimo Zobernig
© Georg Petermichl ©mumok

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