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Ausstellungsbericht
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Faces - Die Macht des Gesichts
Helmar Lerski: Verwandlungen durch Licht, 588, 1935–1936
© Albertina
  

Die Ausstellung widmet sich der radikalen Erneuerung der Porträtfotografie im Deutschland und Österreich der Zwischenkriegszeit. Für diese Zeit ist eine obsessive Beschäftigung mit dem Gesicht bezeichnend, die das Ende des klassischen Porträts einleitete: Fotografinnen und Fotografen stellen nicht mehr die Persönlichkeit eines Menschen dar, sondern fassen das Gesicht nun als nach ihren Vorstellungen formbares Material auf.

von: 12.Feb 21
bis: 20.Jun 21


Albertina
Albertinaplatz 1
1010 Wien, AT
Tel: +43 1 534 83 -0
Fax: +43 1 534 83 -430
Email: info ::: albertina. at
https://www.albertina.at/home

Öffnungszeiten:
Tgl. 9 - 18 Uhr



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Die Porträts der Zeit spiegeln die gesellschaftlichen, politischen und künstlerischen Umbrüche der Epoche wider. Das zeigt sich etwa an der Hinterfragung der Geschlechterverhältnisse, die Künstlerinnen und Künstler mithilfe elaborierter Rollenspiele ausloten. Im sozial aufgeheizten Umfeld der Weimarer Republik, im österreichischen Ständestaat und im Nationalsozialismus diente das Gesicht nicht zuletzt als Projektionsfläche für politische Ideologien, denen durch Stilmittel der Moderne visuell Ausdruck gegeben wurde. Die bahnbrechenden ästhetischen Neuerungen des sogenannten Neuen Sehens oder der Neuen Sachlichkeit sollten die dynamische Entwicklung der technisierten Welt einfangen und kennzeichnen auch die Inszenierung des Gesichts durch experimentelle Beleuchtung und Nahansichten.

Geradezu prototypisch hierfür ist das einzigartige Werk des Fotografen, Kameramanns und Filmemachers Helmar Lerski, das im Zentrum der Ausstellung steht. Der 1871 in Strasbourg als Israel Schmuklerski in eine jüdische Familie geborene Künstler wandte sich im Alter von 39 Jahren der Fotografie zu und schuf in seinen Porträts eine außergewöhnliche Inszenierung des Gesichts durch Licht. Er entwickelte seine Darstellungsweise in enger Beziehung zu seiner Arbeit als Kameramann und Techniker in Berlin, wo er ab 1915 an legendären Stummfilmen (etwa Metropolis) mitarbeitete. In seinen drei umfassendsten Porträtserien brachte er seine Praxis zur Meisterschaft: Entstand Köpfe des Alltags noch in Berlin, fotografierte er Araber und Juden sowie Verwandlungen durch Licht bereits in Palästina, wohin Lerski 1932 aufgrund des in Deutschland grassierenden Antisemitismus emigriert war.

Unter dem Zeichen des Rollenspiels brachen Fotografinnen und Fotografen in den 1920er- Jahren mit der Vorstellung des bürgerlichen Porträts als eines Mittels der Selbsterkenntnis. Die theatralische Inszenierung der eigenen Person oder des Modells diente vielmehr dem Ausprobieren unterschiedlicher Identitäten, dem kreativen Selbstausdruck, formalen Experimenten und der Auseinandersetzung mit der Zuweisung gesellschaftlicher Rollen. Vielfach vom expressionistischen Stummfilm beeinflusst, sind Requisiten, Mimik und Lichtsetzung die wesentlichen Mittel für die Verwandlung in eine Kunstfigur. Während manche Fotografinnen und Fotografen ihre Modelle für ihre Konzepte instrumentalisierten, gingen andere Werke aus der Zusammenarbeit gleichberechtigter Partner hervor. Zu Veröffentlichung und kommerziellen Zwecken bestimmte Mode- und Atelierporträts stehen intimen Privataufnahmen gegenüber, die ein künstlerisches Paralleluniversum etablieren, das gesellschaftlich oftmals verwehrt blieb.

Die virtuose Inszenierung des Gesichts durch Licht ist zentrales Mittel der Avantgarde der 1920er- und 1930er-Jahre. Fotografinnen und Fotografen fassten das Gesicht als eine vom Individuum losgelöste Maske auf, die durch dramatische Hell-Dunkel-Kontraste gleich einer Skulptur modelliert, in formale Strukturen übersetzt oder zu einer unheimlichen Mimik verformt wird. Zusätzlich durch knappe Bildausschnitte und ungewöhnliche Perspektiven verfremdet, erneuern die Fotografien herkömmliche Sehgewohnheiten. Dieser Anspruch wurde im Umfeld der Dessauer Kunstschule Bauhaus programmatisch verfolgt: Technische Experimente abstrahieren das Gesicht, wodurch die Wahrnehmung der Betrachtenden erweitert werden soll. Auch andernorts entwickelten Fotografinnen und Fotografen Theorieneiner „reinen Lichtgestaltung“. Oskar Nerlinger löst etwa mithilfe einer Taschenlampe dieForm und Materialität seines Gesichts in Lichtwerte auf. Helmar Lerski wiederum nutzt für Verwandlungen durch Licht (1935/36) durch Spiegel reflektiertes Sonnenlicht, um das vielfältige Ausdruckspotenzial eines einzigen Modells herauszuarbeiten.

Unter dem Eindruck des Stummfilms isolierten Fotografinnen und Fotografen Gesichter in eindrücklichen Nahansichten. Regisseure gaben mithilfe überwältigender Großaufnahmen kleinste Wechsel im Mienenspiel überdeutlich wieder, um den fehlenden Ton zu kompensieren. Auch Fotografinnen und Fotografen arbeiteten durch enge Bildausschnitte Mimik und Materialität in bisher unbekanntem Detailreichtum heraus, reduzierten das Gesicht in sachlichen Aufnahmen aber gleichzeitig auf seine Oberfläche.

Der Fokus auf einzelne Körperteile wie Nase, Auge und Mund spitzt die Abstraktion radikal zu. Seit dem 19. Jahrhundert entstanden im Kontext vorgeblich wissenschaftlicher Studien Aufnahmen von Körperdetails. Die Fragmente der vom 1. Weltkrieg geprägten Avantgardefotografinnen und -fotografen sind jedoch Ausdruck eines Menschenbildes, dem das Individuum verletzlich erscheint. Sie zeigen das Gesicht als eine Art Landschaft, die sich gerade durch die transformativen Möglichkeiten des Fotoapparats entdecken und erkunden lässt.

Umfassende Porträtserien widmen sich der Darstellung und Kategorisierung von Gruppen innerhalb der Gesellschaft. Indem sich Fotografinnen und Fotografen auf die Physiognomie und Typisierung von Menschen konzentrieren, erhält das Gesicht eine vielschichtige und oftmals widersprüchliche sozialpolitische Dimension.

Den Arbeiten liegt ein damals weitverbreiteter Physiognomiediskurs zugrunde. Die Frage, ob und wie sich ein Mensch oder gar eine Epoche anhand von Gesichtern entziffern lässt, beschäftigte wissenschaftliche wie künstlerische Disziplinen. Walter Benjamin bezeichnete Sanders Fotos in einer berühmten Besprechung etwa als einen „Übungsatlas“, um Gesichter lesen zu lernen: „Machtverschiebungen, wie sie bei uns fällig geworden sind, pflegen die Ausbildung, Schärfung der physiognomischen Auffassung zur vitalen Notwendigkeit werden zu lassen. Man mag von rechts kommen, oder von links – man wird sich daran gewöhnen müssen, darauf angesehen zu werden, woher man kommt. Man wird es, seinerseits, den anderen anzusehen haben.“

Das Interesse an Physiognomie und „Typen“ manifestierte sich in den 1930er-Jahren zunächst in einer kulturkonservativen Heimatfotografie und in der Folge einer im Dienste des Nationalsozialismus stehenden Porträtfotografie. Erna Lendvai-Dircksen, Erich Retzlaff und Rudolf Koppitz nivellierten die Vielfältigkeit der Gesellschaft zu homogenen Gruppen, die sie vorwiegend in der ländlichen Bevölkerung fanden (bzw. konstruierten). Aufnahmen von Bäuerinnen und Bauern zeigen aus folkloristischen Blickwinkeln ein scheinbar „authentisches“ Gesicht, das visuell durch modernistische Bildmittel zustande kommt. Unterstützt von der Ideologie des austrofaschistischen Ständestaates legte Koppitz bis 1936 monumentale Close-ups des Bauernstandes vor, die sich nahtlos in die Ideologie des Nationalsozialismus einfügten. Retzlaff und Lendvai-Dircksen publizierten auflagenstarke Fotobücher mit propagandistischen Begleittexten, um den Porträtfotos so eine explizit rassisch-völkische Konnotation zu verleihen. Schilderte Lendvai-Dircksen 1937 den Bau der Reichsautobahn mittels Nahsichten von heroischen Arbeitern, schuf sie in ihrem Langzeitprojekt Das deutsche Volksgesicht eine über „Blut und Boden“ definierte Typologie des „germanischen Volkes“. Leni Riefenstahls Propagandafilm Triumph des Willens über den sechsten Reichsparteitag der NSDAP in Nürnberg im Jahr 1934 kennzeichnet eine verwandte Herangehensweise: Aus geringer Distanz filmte Riefenstahl die Gesichter von Angehörigen des Reicharbeitsdienstes beim Appell, wie sie ihre unterschiedlichen – deutschen – Herkunftsorte ausrufen.

Ausgestellte KünstlerInnen:
Gertrud Arndt, Marta Astfalck-Vietz, Irene Bayer, Aenne Biermann, Erwin Blumenfeld, Max Burchartz, Suse Byk, Paul Citroen, Carl Theodor Dreyer, Andreas Feininger, Werner David Feist, Trude Fleischmann, Jozef Glogowski, Paul Edmund Hahn, Lotte Jacobi, Grit Kallin- Fischer,EdmundKesting, RudolfKoppitz,KurtKranz,GermaineKrull,ErnaLendvai-Dircksen, Helmar Lerski, László Moholy-Nagy, Lucia Moholy, Oskar Nerlinger, Erich Retzlaff, Hans Richter, Leni Riefenstahl, Franz Roh, Werner Rohde, Ilse Salberg, August Sander, Franz Xaver Setzer, Robert Siodmak, Anton Stankowski, Elfriede Stegemeyer, Edgar G. Ulmer, Umbo, Robert Wiene, Stanis?aw Ignacy Witkiewicz, Willy Zielke

[pge]

Max Burchartz: Lotte (Auge), 1928
© Bildrecht Wien, 2020

Willy Zielke: Arbeitslos. Ein Schicksal von Millionen / Die Wahrheit. Ein Film von dem Leidensweg des Deutschen Arbeiters, 1933
© Galerie Berinson

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