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Ausstellungsbericht
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Naturgeschichten. Spuren des Politischen
Candida Höfer: Zoologischer Garten Paris II, 1997
© Bildrecht Wien, 2017, Courtesy the artist
  

In dieser sehenswerten und kon­t­ro­ver­si­ellen Ausstellung sind viele kritische künstlerischen Positionen der letzten 50 Jahren zum Eingriff des Menschen in die Natur zu sehen. Zu bewundern sind Installationen, Zeichnungen, Bilder und Fotodokumentationen, wobei es auch einen Wintergarten mit "gehobener Supermarktmusik" zu entdecken gibt.

  

von: 23.Sep 17
bis: 14.Jan 18


MUMOK
Museum Moderner Kunst
Stiftung Ludwig Wien
Museumsplatz 1
1070 Wien, AT
Tel: +43 1 525 00
Email: info ::: mumok. at
http://www.mumok.at

Öffnungszeiten:
Täglich 10 bis 19 Uhr
Donnerstag bis 21 Uhr
Montag ab 14 Uhr



Karten mit Ziel und
momentanen Standort anzeigen

Teile der Schau wurden aus thematischen Gründen ausgelagert: Die kritischen Positionen von Mark Dion befinden sich in der Tiersammlung des Naturhistorischen Museums und die lebende Installation "3 Schwestern Korridor" von Christian Philipp Müller steht vor dem sonst eher schmucklosen Haupteingang des mumoks.

Die Ausstellung befasst sich mit Darstellungen von Natur, die auf gesellschaftliche Prozesse und zeitgeschichtliche Ereignisse Bezug nehmen. Die Arbeiten unterlaufen sowohl die Vorstellung von Natur als geschichtsfreiem Raum als auch die Fiktion eines unveränderlichen, naturgegebenen Geschichtsbildes. Sie verdeutlichen in unterschiedlichen Themenfeldern den Wechselbezug von Natur und Geschichte jenseits romantisierender Natur- und Geschichtsverklärung. Auf drei Ebenen des mumok spannt die Präsentation einen Bogen von den 1960er-Jahren bis in die Gegenwart. In der Schau zeigt sich, dass zeit- und systemkritische Kunst, die sich auf den Kolonialismus und seine Folgen, auf totalitäre Ideologien und kriegerische Konflikte sowie auf gesellschaftliche Veränderungen im Zuge politischer Systemwechsel bezieht, bis heute eine zentrale Bedeutung besitzt.

Die Schau setzt mit Arbeiten der Neoavantgarde ein, die in ihrer Reflexion über die Rahmenbedingungen künstlerischer Produktion und Rezeption auch deren gesellschafts- und geschichtskritische Dimensionen mitdenken. Beispielhaft dafür sind Arbeiten von Marcel Broodthaers, Joseph Beuys, Hans Haacke, Mario Merz, Hélio Oiticica oder der Künstler_innengruppen Sigma aus Rumänien und OHO aus Slowenien. In seiner Rauminstallation Un jardin d’hiver II (1974) spielt Broodthaers mit exotischen Pflanzen- und Tiermotiven auf die bürgerliche Sehnsucht nach fernen und fremden Ländern ebenso wie auf deren kolonialistische Ausbeutung an. Joseph Beuys verweist in seiner Aktion I Like America and America Likes Me (1974) mittels eines Kojoten als Symboltier der indianischen Ureinwohner Amerikas auf deren gewaltvolle Kolonialisierung. Während Mario Merz mit dem Motiv des Iglus als Zeichen naturverbundener nomadisierender Lebensform Zivilisationskritik betreibt, unterläuft Hans Haacke mit seinem Grass Cube (1967) die im minimalistischen Kubus imaginierte nüchtern-zweckfreie Form und aktiviert stattdessen naturhaft-physikalische Prozesse als Gegenentwurf zu einem realitätsblinden Kunst- und Gesellschaftsbegriff.

Auch in naturbezogenen Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern aus osteuropäischen Staaten und aus Lateinamerika spiegeln sich zeit- und systemkritische Anliegen: In den Arbeiten der Sigma-Gruppe (Ștefan Bertalan, Constantin Flondor, Roman Cotosman, Doru Tulcan u. a.) werden in den zunehmend restriktiver werdenden 1970er-Jahren unter dem Ceauşescu-Regime Natur und Wissenschaft zu Plattformen nonkonformistischer Kunst. Im titoistischen Jugoslawien bekundet die OHO-Gruppe (Marko Pogačnik, David Nez, Milenko Matanović, Andraž Šalamun, Naško Križnar, Marjan Ciglic u. a.), anknüpfend an die Konzeptkunst und durch den Rückzug in die ländliche Natur, ihre Kritik an der politischen Fortschrittsideologie wie auch am kunstbetrieblichen Karrieredenken. Die globale Bedeutung der Natur als politisches Motiv Ende der 1960er-Jahre zeigt sich auch in Oiticicas Installation Tropicália (1968), die auf die gleichnamige Protestbewegung gegen die brasilianische Militärdiktatur der Zeit Bezug nimmt.

Vertreterinnen und Vertreter der nachfolgenden Künstlergenerationen bedienen sich sowohl kolonialismuskritischer als auch geschichts- und gesellschaftskritischer Traditionen der Neoavantgarde und aktualisieren sie für ihr eigenes zeitgeschichtliches Umfeld. Eine kritisch-analytische Sicht auf koloniale und postkoloniale Geschichte findet sich in den Arbeiten von Jonathas de Andrade, der sich brasilianischen Plantagearbeitern zuwendet, oder bei Matthew Buckingham, Andrea Geyer und Stan Douglas, die die Kolonialisierung des amerikanischen Kontinents thematisieren. Auch Mark Dions Installation über einen fiktiven Ethnografen, Candida Höfers Fotografien von Zoos, Christian Philipp Müllers oder Isa Melsheimers Bezugnahme auf das Verhältnis von Kolonialisierung und Pflanzentransfer sowie Margherita Spiluttinis Fotografien von exotischer Kulissenmalerei des 18. Jahrhunderts beleuchten Aspekte kolonialer Geschichte und deren Folgen bis in die Gegenwart.

Die Arbeiten von Anri Sala, Ingeborg Strobl, Lois Weinberger sowie Anca Benera und Arnold Estefan behandeln Veränderungen bzw. Verwandlungen öffentlicher und historischer Orte durch natürliche Prozesse. Die alles überwuchernde Natur erweist sich dabei als Indikator geschichtlicher Dynamiken. So zeigt Sala in Arena (2003) den Verfall des Zoos in Tirana als Folge und Metapher zerbrochener gesellschaftlicher Ordnung. Während bei Strobl und Weinberger Verfallsprozesse im Landschaftlichen oder Urbanen vom Bedeutungsverlust einst funktionierender Strukturen in Krisenregionen zeugen, bringen Anca Benera und Arnold Estefan die absichtsvolle Tarnung ehemaliger Militäreinrichtungen und Kriegsschauplätze durch künstlich angelegte Naturanlagen ans Licht.

Naturdarstellungen prägen auch Werke, die sich mit Völkermord im Rahmen totalitärer Systeme und kriegerischer Konflikte auseinandersetzen. Die Geschichte des nationalsozialistischen Terrors und des Holocausts begegnet man in den Arbeiten von Heimrad Bäcker, Mirosław Bałka, Tatiana Lecomte, Ion Grigorescu und Christian Kosmas Mayer. Wendet sich Mayer der Geschichte der sogenannten Hitler-Eichen zu, die 1936 bei der Olympiade in Berlin an die Siegerinnen und Sieger vergeben wurden, so haben Bałka, Lecomte, Grigorescu und Bäcker die Opfer bzw. die Landschaften, Architekturen oder Relikte von Konzentrationslagern im Blick, um an die Verbrechen und ihre Verdrängung zu erinnern.

Weitere Arbeiten, die von politisch motivierter Gewalt, von Flucht oder Widerstand handeln, schließen hier an: so Christopher Williams’ Fotoserie Angola to Vietnam (1989), in der Glasmodelle von Pflanzen an politische Morde gemahnen, oder Sandra Vitaljićs Fotoarbeiten Infertile Grounds (2012), in denen verborgene Orte in der Natur als Zeugen kriegerischer Massaker ausgewiesen werden. Ebenso zählt Sanja Ivekovićs Bezugnahme auf ein Flüchtlingslager während des Balkankrieges in ihrer Arbeit Resnik (1996) zu diesem Themenfeld wie die Arbeiten Sven Johnes, Alfredo Jaars und Nikita Kadans. Während Sven Johne anhand eines erfundenen Flüchtlingsschicksals in der ehemaligen DDR gesellschaftliche Realität untersucht und Alfredo Jaar die vietnamesischen Boatpeople porträtiert, die während des Vietnamkrieges über das Meer nach Hongkong geflüchtet waren, bezieht Kadan Stellung zur ukrainischen Revolution von 2013 in Kiew. Er führt in einer Diaserie die Rolle von provisorischen Gärten als Nahrungsreservoir für die 2013 gegen den Expräsidenten der Ukraine, Viktor Janukowitsch, revoltierende Bevölkerung auf dem Maidan-Platz vor Augen.

Christian Philipp Müller bezieht sich mit seiner Arbeit Drei Schwestern Korridor auf die Geschichte des Pflanzenimports als Aspekt der Aneignung fremder Kultur und Natur im Zuge kolonialer Eroberungen. Die drei Gemüsesorten Mais, Bohnen und Kürbis, deren gemeinsame Anpflanzung indianischen Ursprungs ist, sind im Rahmen einer begehbaren performativen Skulptur, im Außenraum vor dem Eingang des mumok zu sehen.

Paralell zu dieser Ausstellung wird The Tar Museum von Mark Dion im nahe gelegenen Naturhistorischen Museum Wien gezeigt. Die Arbeit enthält ausgestopfte und geteerte Tiere auf Transportkisten. Sie bieten ein Bild zerstörter Natur, das zugleich auf ein Wahrnehmungs- und Verdrängungsphänomen verweist: Es ist nicht nur der ökonomiekritische und auf ökologische Umweltkatastrophen zielende Aspekt, der hier zitiert wird, sondern auch der Umstand, dass erst das makabre Schwarz des Teers die Wahrnehmung des Todes bzw. des Tötens auslöst, nicht aber schon die Präsentation ausgestopfter Tiere selbst. Dieser Aspekt interessierte Dion besonders, hebt er doch die Verinnerlichung von Techniken der Musealisierung, Archivierung und Präsentation ins Bewusstsein, die dort Lebendigkeit vortäuschen, wo längst der Tod regiert.

[pge]

Link zu: Naturhistorisches Museum Wien

Ausstellungsansicht
© Life-style.at

Ausstellungsansicht im Nathurhistorischen Museum Wien: Mark Dion: The Tar Museum – Skeleton Cabinet, Lizard and Gecko & Flamingo, 2006
© mumok / Klaus Pichler, Courtesy the artist and Georg Kargl Fine Arts, Vienna

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